Schlauere Kinder durch geregelte Schlafzeiten?

boy sleepvon Aylin Lenbet

Schlauere Kinder durch geregelte Schlafenszeiten – so lautete die Überschrift eines knappen Berichts über eine amerikanische Studie im Spiegel der Anfang Juni 2010 erschien. Die Nachricht von der Studie verbreitete sich schnell in den Medien. Eltern sind ja dankbare Abnehmer für wissenschaftlich begründete Hinweise zur Erziehung.

In einer nationalen Langzeitstudie des Instituts SRI International untersuchte die Wissenschaftlerin Erika Gaylor von der Amerikanischen Akademie für Schlafforschung mit ihrem Team die Schlafgewohnheiten von 8000 Kindern, jeweils im neunten Lebensmonat sowie im Alter von vier Jahren. Das Ergebnis lautet zusammengefasst: Kinder, die immer zur gleichen Zeit ins Bett gehen und dies am besten noch vor 21 Uhr, und nachts mindestens 11 Stunden schlafen, sind Kindern mit unregelmäßigen Zubettgehzeiten in ihrer kognitiven Entwicklung überlegen. Sie verfügen über ein besseres sprachliches Vermögen, eine ausgeprägte Lesefähigkeit und eine höhere mathematische Auffassungsgabe.

Die Empfehlung der Autoren lautet daher auch ganz klar, dass man Eltern dazu bringen muss, ihren Kindern so früh wie möglich feste Einschlafzeiten zu verordnen.

Ich habe versucht etwas mehr über die Studie in Erfahrung zu bringen. Viel ist bisher nicht veröffentlicht. Das Abstract unter www.journalsleep.org enthält nur die gewohnt knappen Informationen, so dass eine Bewertung der Versuchsanordnung und -durchführung sowie der statistischen Auswertung nicht möglich ist.

Beschrieben steht, dass die Variablen ethnische Herkunft, Geschlecht und sozioökonomischer Status kontrolliert wurden, d. h. eventuelle Verfälschungen der Ergebnisse durch Einflüsse der genannten Variablen wurden statistisch ausgeschlossen. Nicht kontrolliert wurden dagegen die nicht minder wichtigen Variablen wie z. B. Dauer des Tagschlafes, Betreuungsstil der Eltern, Betreuungsart der Kinder am Tage (Kindergarten, etc.).

Daher stellt sich die Frage, welche Schlüsse wir tatsächlich aus der Studie ziehen können:

Es handelt sich hier um eine nationale Studie. In den vereinigten Staaten, wie nahezu in dem gesamten westlichen Kulturkreis ist es üblich, geregelte Bettgehzeiten, die vor 21 Uhr liegen, zu pflegen. Wenn Eltern an dem Gedeihen ihrer Kinder interessiert sind, werden sie sich in der Regel an die Gepflogenheiten halten – unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund. Das heißt also: da diese Eltern an der Entwicklung ihres Kindes interessiert sind (sie sind ja angepasst und wollen in der Gesellschaft mithalten), werden sie sich insgesamt mehr um ihr Kind bemühen. Geregelte Bettgehzeiten sind z. B. meist mit einem Bettgehritual verbunden. Es wird gemeinsam gesungen oder es wird eine Geschichte vorgelesen. Auch diese Form von regelmäßiger Beschäftigung wirkt sich natürlich positiv auf die Entwicklung des Kindes aus.

Es liegt also der Schluss nahe, dass Eltern die ihr Kind regelmäßig frühzeitig ins Bett bringen – so wie es in unserem Kulturkreis üblich ist – auch insgesamt mehr um die Entwicklung ihrer Kinder bemüht sind und sich daher mit ihnen beschäftigen.

Ein weiterer Aspekt, der das Ergebnis der Studie in Frage stellt, ist die Gesamtschlafdauer eines Kindes, d.h. Nacht und Tagschlaf. Zumindest aus den öffentlich zugänglichen Informationen der Studie geht hervor, dass nur die Dauer des Nachtschlafs gemessen wurde. Wie sieht es aber mit dem Tagschlaf aus? Kinder mit unregelmäßigen und/oder späten Zubettgehzeiten müssen die Möglichkeit haben, morgens auszuschlafen oder durch einen ausgedehnten Mittagsschlaf auf ihr benötigtes Schlafpensum zu kommen. Wird ihnen diese Möglichkeit nicht gegeben, weil es z.B. die Form der Betreuung dies nicht erlaubt, so werden diese Kinder natürlich insgesamt zu wenig Schlaf bekommen.

Wenn ein zweijähriges Kind nachts acht Stunden schläft und tagsüber nicht die Möglichkeit hat einen ausgedehnten Mittagsschlaf zu halten wird es unter einem Schlafmangel leiden. Der wiederum wirkt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit negativ auf seine Konzentrationsfähigkeit aus und dieser Mangel an Konzentration wird dieses Kind wahrscheinlich mehr oder weniger in seiner Entwicklung bremsen. Aber das wussten wir schon lange.

Für mich ergeben sich hier viele Fragen, die zunächst unbeantwortet bleiben. Daher würde ich mich freuen, wenn Eltern die Ergebnisse dieser Studie nicht gleich als letzte Wahrheit auffassen (bare Münze).

Kinder die gegen 22 Uhr ins Bett gehen, sind deshalb nicht dümmer. Sie schlafen meist länger und wenn nicht, dann holen sie sich ihren Schlaf am Nachmittag. Viele Kinder in anderen Kulturkreisen gehen spät zu Bett und halten dafür einen ausgiebigen Mittagsschlaf. Mir ist keine anerkannte Studie bekannt, die besagt, dass Kinder anderer Kulturen dümmer sind als unsere Kinder.

Was natürlich außer Frage steht, ist dass Kinder, die morgens früh raus müssen um in die Schule oder in den Kindergarten zu gehen, ausreichend Schlaf benötigen. Für diese Kinder ist es nicht möglich, sich nachmittags wenn sie müde sind zwei bis drei Stunden hinzulegen.

Auch die Empfehlung der Autoren scheint mir äußerst kurzsichtig und einseitig (naiv). Bringt Eure Kinder zeitig ins Bett und sie werden schlauer? Eltern müssen ihren Kindern nicht etwa Aufmerksamkeit, Zuwendung und Zeit zum Spiel widmen. Nein. Es reicht, sie regelmäßig ins Bett zu befördern. Das scheint mir eine allzu technische Sichtweise auf das Kind zu sein. Drücke Knopf A dann passiert B. Wenn alles so einfach wäre….

In meine Augen birgt die Studie die große Gefahr, dass Eltern sich mal wieder verunsichern lassen. Anstatt auf ihre Intuition zu hören, werden viele Eltern sich veranlasst fühlen, ihr Kind mit Nachdruck auf bestimmte Bettzeiten zu trimmen. Würde die Studie in einem anderen Kulturkreis durchgeführt werden, sähen die Ergebnisse mit Sicherheit anders aus (d.h. kein Zusammenhang zwischen frühen, regelmäßigen Bettgehzeiten und positiver kognitiver Entwicklung). Ganz einfach. Da das was sich positiv auf die kognitive Entwicklung auswirkt, nichts mit der Regelmäßigkeit des Zubettgehens zu tun hat, sondern mit dem körperlichen Wohlbefinden (dazu gehört auch ausreichend Schlaf) und einer intensiven, liebevollen Betreuung.

Foto: boy sleep © Pavel Losevsky – Fotolia

 

 

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